Daheimgebliebene

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01 13 ru Zeitgeschichte 04 1 Daheimgebliebene
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Ein besonderes Kapitel in den späteren Geschichtsbüchern über unsere Zeit wird die Überschrifttragen "Die Daheimgebliebenen".
1870 sind viel, viel mehr daheimgeblieben, und doch gab es keine Gemeinde, kein Geschlecht, keine Zunft der "Daheimgebliebenen"!
Heute gebührt ihnen nicht bloß ein besonderes Kapitel - es redet Bände, dass es in diesem Kriege ein Volk der Daheimgebliebenen gibt!
Ein Volk zog hinaus - und ein Volk blieb daheim!
Nicht weil es die Hecken des heimatlichen Gärtchens so geliebt hat, nicht weil der Platz hinterm Ofen nicht kalt werden durfte, nicht weil das Geschäft sonst zurück ging, nicht weil das Weib sonst verzweifelte und die Kinder verwaisten - ach, dass wir daheimgeblieben mussten, das dünkte uns heißester Schmerz und brennender Scham, dass schien uns unerträglicher Last, das war uns wie Züchtigung und Strafe und Anfechtung! Denn wir waren ja alle ein Volk geworden, ein Leib, ein Wille, eine Seele, ein Geist, eine Familie und eine Gemeinde! Darum wollten und mussten wir alle eintreten für das Eine und konnten's zuerst nicht glauben und fassen, dass auch hier wieder der eine für den anderen eintreten müsse! Und doch musste es so sein: Ein Volk zog hinaus und eins blieb daheim. Blieb, weil es seine Pflicht war! Weil es der Kaiser so wollte! Weil es die Aufgabe der Zeit so forderte!
Da ward aus Lust und Unlust, aus Schmerz und Jubel, aus Überschwang und Umschwung ein neues geboren: Die Pflicht der Daheimgebliebenen!
Sie entwuchs aus drei Tatsachen: aus der Tatsache des Existenzkampfes, des Krieges gegen eine Welt von Feinden und des Kampfes nur unser deutsches Sein überhaupt. - Unsere Existenz war bedroht! Auf die Vernichtung unseres Volkes und Staates war es abgesehen! Darum galt es, diese Existenz zu sichern in Kampf - und in Arbeit! Der Kampf fiel dem hinausziehenden, die Arbeit dem daheimgebliebenen Volke zu! Industrielle, wirtschaftliche, soziale, erzieherische, organisatorische, erfinderische, fabrizierende, sanitäre, pflügende und säende, sammelnde und fürsorgende Arbeit! Das war Mitarbeit der Daheimgebliebenen an der Organisierung des Sieges! Die Sicherung und Neugründung, der Aufbau und Ausbau unserer volklichen und staatlichen Existenz mitten im Krieg, trotz des Kriege, ja für den Krieg, dass war Pflicht der Daheimgebliebenen - heilige Dienstpflicht, denn um unsere Existenz ging und geht dieser Krieg.
Und weil es nicht ein Kriegszug war gegen ein Volk - etwa auf drei Monate oder ein halbes Jahr, sondern weil es gegen eine Welt von Feinden anzukämpfen galt, darum musste die Heimat und das Heim besonders gepflegt, besonders heilig und warm und wohnlich und helle und blühend erhalten werden! Denn Tausende kehrten heim, gebrochen an Leib und Seele, und müssen wieder und wieder hinaus! Darum mussten die körperlichen und seelischen Heilquellen, die stärkend und belebend nur in der Heimat und im Heim sprudeln, geschützt und fließend erhalten werden! Und weil es eine Welt von Feinden niederzuringen galt, darum ahnten wir alle, dass viele, viele Tausend nicht wieder heimkehren, viel mehr als in jeden anderen Krieg. Dieses Heldenvolk der Sterbenden aber musste die Gewissheit haben, dass ihre Lieben daheim die helfende und stützende Hand nicht fehlen würde, deren die dann doppelt bedurften!
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